Windkraft auf hoher See – Offshore Anlagen und ihre Nebenwirkungen

Die Windkraft ist eine der wichtigsten erneuerbaren Energien, kaum ein Landstrich in Deutschland hat noch keine der markanten Windräder. Vor den Küsten werden in Nord- und Ostsee immer mehr sogenannte Offshore Windkraftanlagen errichtet, fast tausend Turbinen waren 2016 bereits in Betrieb.
So erstrebenswert die sogenannte Energiewende auch sein mag, der Bau, der Betrieb und letztendlich auch die Wartung dieser Anlagen werfen Fragen auf, denn die Auswirkungen von Offshore-Windparks auf die Meeresnatur und -umwelt sind noch nicht gänzlich erforscht:
Wie reagieren See- oder Zugvögel auf die teils mehr als 150m hoch aufragenden Anlagen, was tut sich am Meeresboden und wie störend nehmen Wale und Fische den Baulärm eigentlich wahr?
Der unter Artenschutz stehende Schweinswal, der „Flipper“ der Nordsee, bevorzugt als Lebensraum ruhige Küstenbereiche von etwa 20 Metern Tiefe. In der südlichen Nordsee und damit auch im Einzugsbereich und Baugebiet dänischer und deutscher Offshore-Windkraftanlagen liegt die Kinderstube der Schweinswale, von denen es noch etwa dreihunderttausend Stück gibt.
Beim Bau von Windkraftanlagen werden für jedes Windrad vier gigantische Stahlrohre etwa 50 Meter tief mit einem speziellen Hammer in den Meeresboden gerammt. Sie bilden das notwendige stabile Fundament einer Anlage. Dieser Rammvorgang dauert Stunden oder Tage, und es sind zwischen zehn- und zwanzigtausend „Hammerschläge“ pro Fundament nötig. Dabei entsteht unter Wasser bei jedem Schlag ein enormer Lärm, der sich in einem weiten Radius rund um die Baustelle ausbreitet.

 

Wie Fledermäuse navigieren und jagen Schweinswale mittels hochsensibler Echolokation: sie „hören“ Hindernisse oder Beutetiere. Es ist also kaum verwunderlich, dass Schweinswale mit ihrem feinen Gehör die Flucht ergreifen, wenn ihr Lebensraum plötzlich zur Baustelle wird. Untersuchungen haben gezeigt, dass die intelligenten Meeressäuger die Baustelle einer Offshore Windkraftanlage in einem Umkreis von bis zu zwanzig Kilometern meiden. Und das aus gutem Grund, denn der sogenannte Rammschall kann das empfindliche Gehör der Tümmler vorübergehend schädigen oder die Tiere sogar ernsthaft verletzen. Für das betroffene Tier kann das schwerwiegende Folgen haben, denn schwerhörige oder gar taube Wale haben massive Probleme bei der Nahrungssuche und der Fortbewegung. Nicht zuletzt beeinträchtigt der Lärm auch die Kommunikation der Wale untereinander. Aber nicht nur die Braunen Tümmler, sondern auch Seehunde, Kegelrobben und Fische sind von dem Rammschall während der Bauarbeiten an einer Offshore Anlage betroffen.
Um diese Lärmbelastung zu verringern und den strengen Genehmigungsauflagen für Offshore Windparks zu genügen werden immer neue Techniken zum Schallschutz während der Bauphasen entwickelt.
Beobachtungen in dänischen Windparks weisen aber erfreulicherweise darauf hin, dass sich die Schweinswale vom Baulärm nicht vollständig vergrämen lassen, sie kehren offenbar in ihre angestammten Gebiete zurück. Auch Fische sehen die Unterwasserbaustellen relativ gelassen, sobald sich der größteAufruhr gelegt hat, sie profitieren sogar davon. Um eine Erosion des Meeresbodens rund um die Windradfundamente zu verhindern werden diese oft mit großen Steinen oder anderem schwerem Material eingefasst. Dadurch und durch die Auswahl besonders geeigneten Materials bilden sich künstliche kleine Riffe, die vielen Kleinlebewesen wie Muscheln, Seeanemonen und Krebsen besonders gute Lebensbedingungen bieten. Größere Fischarten, die in den künstlichen Riffen reiche Nahrung und optimale Vermehrungsbedingungen vorfinden, lassen dann nicht lange auf sich warten. Da innerhalb der Offshore Windparks ein Fischereiverbot herrscht, können sich die Bestände von Fischen und Weichtieren dort gut erholen. Muscheln und Anemonen, die anderswo durch die Schleppnetzfischerei beschädigt werden, finden hier ungestörte Lebensmöglichkeiten.
Von den Befürwortern der erneuerbaren Energien wird oft übersehen, dass die von den Windkraftanlagen erzeugte Energie auch transportiert werden muss. Die Stromkabel, die von den Offshore Anlagen wegführen, erzeugen während des Betriebs nicht nur Wärme, sondern auch elektromagnetische Felder am Meeresboden. Untersuchungen in Großbritannien ergaben, dass diese elektromagnetischen Felder das Jagdverhalten und die Orientierung von Fischen wie Haien und Rochen beeinflussen können. Auch Aale werden auf ihrer Wanderung zu den Flussmündungen vom rechten Weg abgebracht. An dieser Thematik und den konkreten Zusammenhängen wird zur Zeit allerdings noch geforscht.Die Nutzung erneuerbarer Energien hat aber nicht nur unter, sondern auch über Wasser Auswirkungen, denn die Offshore Windparks in Nord- und Ostsee liegen im Zentrum einer gigantischen Flugreiseroute: Zweimal jährlich überqueren Millionen und Abermillionen von Vögeln das Meer, um von ihren Brutgebieten in ihre Winterquartiere und zurück zu gelangen. Umweltschützer befürchten nicht nur, dass ungünstig geplante Offshore Windkraftanlagen Barrieren darstellen könnten, die den Vögeln ihre Flugrouten versperren. Auch das Risiko des Vogelschlags wird vor allem in der Öffentlichkeit heftig und kontrovers diskutiert, nicht zuletzt weil aufmerksame Spaziergänger immer wieder tote Vögel auffinden, die unter einer Windkraftanlage liegen.
Bei den Zugvögeln unterscheidet man sogenannte Tagzieher und Nachtzieher. Tagzieher sind Vogelarten, die auf dem Wasser landen können, wie z.B. Enten und Gänse. Nachts oder wenn es einen Schlechtwettereinbruch gibt, lassen sie sich auf dem Wasser nieder, bei guter Sicht und tagsüber umfliegen sie Beobachtungen zufolge die Offshore Windkraftanlagen. Landvögel wie Drosseln und Finken können dagegen nicht auf dem Wasser landen, sie müssen das Meer non stop überqueren. Bei gutem Wetter fliegen sie in einer Flughöhe, die deutlich über den Turbinen liegt und sind nicht gefährdet, aber bei schlechtem Wetter, Nebel oder Regen, fliegen sie tiefer und können dadurch tatsächlich in die Windräder geraten. Eine geeignete Beleuchtung oder auch einfach im Bedarfsfall eine vorübergehende Abschaltung der gesamten Anlage könnte dem vorbeugen, empfehlen Experten. Eine zu starke Beleuchtung wiederum kann dazu führen, dass die Landvögel beim nächtlichen Zug über das offene Meer abgelenkt werden und versehentlich in die Anlage hineinfliegen. Experten raten daher dazu, die Beleuchtung der Anlagen während der Zeiten des Vogelfluges entsprechend anzupassen. Aufwändige Untersuchungen mit Radar und Infrarotkameras in dänischen und schwedischen Windparks haben gezeigt, dass Zugvögel tags und nachts im Allgemeinen gut auf die Anlagen reagieren und ihnen ausweichen und es kaum zu Kollisionen kommt.
Vogelforscher empfehlen dennoch, Offshore Windkraftanlagen möglichst abseits von Zugrouten und weit entfernt von der Küste zu bauen.
Das Meer ist aber nicht nur Flugroute, sondern auch ein Lebensraum für spezialisierte Wasservögel. Fachleute sprechen vom Habitat. Der Bau und der Betrieb von Anlagen zur Gewinnung von Strom aus erneuerbaren Energien kann diesen Lebensraum in der Tat sehr empfindlich stören. Zwar gibt es einige Arten, die sich von einer Offshore Anlage im feuchten Wohnzimmer nicht besonders beeindrucken lassen Insbesondere Enten scheinen sich mit den grossen Turbinen anfreunden zu können, wenn der Bau erst einmal abgeschlossen ist: In schwedischen Windparks zeigte sich die Eisentenpopulation ungestört, in Dänemark blieben die Eiderenten ihrem Wohnort treu.
Andere Vogelarten jedoch meiden die Gebiete rund um die Offshore Anlagen weiträumig und verlieren damit große Bereiche ihres Lebensraumes: Seetaucher, Basstölpel, Trauerente, Tordalk und Trottellumme beispielsweise entfernen sich bis zu vier Kilometer weit vom bebauten Bereich.
Möwen dagegen scheinen Opportunisten zu sein, was Windkraftanlagen angeht; Mantelmöwen, Zwergmöwen, Fluss- und Küstenseeschwalben sind in der Region rund um die Turbinen sogar häufiger anzutreffen als vor dem Bau.
Mehr als zwei Drittel des gesamten Seetaucherbestandes der deutschen Nordsee sammeln sich jedes Frühjahr in der Deutschen Bucht im Bereich des Sylter Außenriffs. Um zu verhindern, dass die Nutzung erneuerbarer Energien dort zu einem noch größeren Lebensraumverlust führt als schon gegeben und um die beiden Seetaucherarten nicht zu gefährden wird es in diesem Gebiet wohl keine Baugenehmigungen für weiteren Offshore Anlagen mehr geben.
Interessanterweise sind die Beobachtungen bei manchen Vogelarten auch uneinheitlich. So legen Kormorane eine unterschiedliche Herangehensweise an Windkraftanlagen den Tag, je nachdem ob sie sich auf längeren Reisen befinden oder nicht.
Beruhigend ist eine Studie, die von der schottischen Regierung beauftragt wurde und der zufolge 99% aller Seevögel einer Windkraftanlage ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden.
Viele Bürger befürworten den Bau von Offshore Windkraftanlagen, weil sie weit draußen auf dem Meer ja scheinbar niemandem schaden können. Aber auch wenn der Mensch das Meer auf den ersten Blick als öde und leer empfindet: es ist Lebensraum für viele Tierarten in und über dem Wasser und jede davon muss sich mit der Technik und den Folgen auseinandersetzen, die unser Hunger nach Energie mit sich bringt.
https://rolfhinrichs.com/windkraft-auf-hoher-see-offshore-anlagen-und-ihre-nebenwirkungen/

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